Arztbesuch ohne Karte
Jetzt lebe ich schon eine Weile in Spanien, gehe brav zur Arbeit und genieße die Sonne und darum,
was hier in Spanien zu tun ist, wenn man mal einen Arzt braucht, hab´ ich mich nie gekümmert.
Ich geh´ ja nie zum Arzt und Unfälle passieren mir doch nicht! … Bis auf gestern.
Da hab´ ich mir im Eifer des Gefechts beim Fenster putzen mit der rostigen Klinge des Glasschabers
mit Schmackes in den Daumen gesäbelt.
„Halb so wild“, war für den Bruchteil einer Sekunde mein erster Gedanke.
Das Blut spritzte ja nicht … aber es quoll unaufhörlich aus dem Schnitt, der sich über die ganze
Innenseite meines linken Daumens lang zog und die Tatsache, daß kein Pflaster halten wollte,
weil immer mehr Blut nachströmte und ich die Blutung einfach nicht gestoppt bekam, hat mich dann
doch etwas nachdenklich gemacht.
Eine halbe, abgewickelte, durchgeblutete Küchenrolle später, fing ich tatsächlich mal an, zu überlegen,
ob es nicht besser wäre, den Schnitt einem Arzt zu zeigen.
Vielleicht muß was genäht werden und außerdem war die Klinge schon ziemlich rostig.
Ich muß bestimmt eine Tetanusspritze kriegen.
An meine letzten Impfungen kann ich mich kaum erinnern.
Mein TÜV war sicher auch schon längst abgelaufen.
Meine Suche nach dem erst besten roten Kreuz am Straßenrand führte mich in eine kleine Privatklinik,
in der ich prompt abgewiesen wurde.
Aber die nette, junge Dame am Empfang erklärte mir, daß es in jedem größeren Wohnort ein Ärztezentrum
gäbe, die für mich zuständig wären.
Aha! Naja, trotzdem Danke.
Das wäre zum Beispiel so einer der Gründe, warum ich Ärzte meide, so oft es geht.
Egal, ob du dich blutüberströmt, mit geplatzter Fruchtblase oder bewußtlos bei der Empfangsdame
eines Krankenhauses, einer Arztpraxis oder sonst wie gearteten Klinik vorstellst,
zuerst mußt du mal finanziell die Hosen runter- und dich beurteilen lassen.
Bist du Melkkuh erster, zweiter oder dritter Klasse?
Privat, gesetzlich oder womöglich gar nicht versichert?
„Das tut mir leid, mit ihrem Schädelbasisbruch, aber wir nehmen nur Privatpatienten!“
Das scheint echt überall so zu sein.
Doch nun gut, macht ja nichts.
Ich bin es gewohnt, meine Rechnungen selbst zu zahlen.
Und eine Privatklinik wäre mir eh zu teuer gewesen.
Also suchte und fand ich das Medizinische Zentrum in meinem Wohnort, daß übrigens 24 Stunden
geöffnet hat.
Doch auch hier fragte mich der nette Herr im weißen Kittel hinter der Theke zuerst nach meiner
Versichertenkarte.
Da musste ich ihn leider enttäuschen.
Ich habe zwar Arbeit, bin ordnungsgemäß angemeldet, im Besitz einer Sozialversicherungsnummer und
somit auch irgendwie versichert, aber so eine Karte hab ich trotzdem nie bekommen.
So schnell gab der Herr aber nicht auf.
Die Befragung ging weiter: ob ich denn eine NIE hätte.
Na, logisch hatte ich die!
Ich lebe und arbeite schließlich hier und ohne NIE geht nichts.
Sein Gesicht erhellte sich etwas und ich fahndete in den unergründlichen Tiefen meiner nicht sehr
damenhaften Handtasche, die eigentlich mehr ein Beutel ist, nach einem Papier, auf dem meine NIE zu
finden war.
Genau für solche Fälle sollte man den Wisch immer mit dabei haben.
Was mir zwischen meiner Zettelwirtschaft als erstes in die Hände fiel, war mein Arbeitsvertrag,
den ich auch immer mit mir herum schleppe.
Das war natürlich noch viel besser.
Auf dem stand nun wirklich alles drauf: NIE, Sozialversicherungsnummer, Name und Adresse.
Der weiß-bekittelte Herr wurde mit jeder Information, die er abschreiben und in seinen Computer
hacken durfte entspannter.
Zu guter Letzt erklärte er mir sogar noch, wie ich denn endlich zu meiner Versicherungskarte kommen
würde, die dann 5 Jahre gültig wäre und die hier in Spanien nicht automatisch zugeschickt wird,
sondern um die man sich selber kümmern muß:
Man brauch ein Passbild, die NIE und die Anmeldung vom Einwohnermeldeamt, die bestätigt,
daß du da wohnst, wo du wohnst.
Dann geht man damit in das Medizinische Zentrum, seines Wohnortes und bekommt endlich seine chicke
Karte, die man beim nächsten Zipperlein dann mit stolz geschwellter Brust vorzeigen darf, damit der
Amtsschimmel sein Leckerchen bekommt.
Endlich war der Computer mit allem Nötigen gefüttert und jetzt war es an der Zeit, sich um meinen
Daumen zu kümmern.
Der bemühte Herr hinter der Theke war nämlich zu später Stunde Empfangsdame, Krankenschwester und
Arzt in einer Person.
Er führte mich in einen Behandlungsraum und befreite meinen Daumen vom notdürftig herum getüddelten
Druckverband.
Das Pflaster darunter pulte ich lieber selber ab.
Ich erwartete eigentlich einen erneut einsetzenden Blutstrom, doch die Wunde blieb trocken.
Wunderbar!
Das war mal wieder so klar!
Zu Hause bin ich fast verblutet und kaum sitzt man beim Arzt, wird man vom eigenen Körper verhöhnt.
„Ätsch-Bätsch! War ja gar nicht so schlimm!“
Der Arzt säuberte die Wunde sehr gründlich und zog dann die Schnittkanten vorsichtig auseinander.
Nicht mal jetzt blutete es mehr!
Trotzdem erschien mir der Schnitt recht tief und lang.
Aber der Onkel Doktor meinte:
„Ist nicht so schlimm.“
Auf meine Frage, ob es vielleicht genäht werden müsse, sagte er nur:
„Nein, wie schade … nichts zu tun für mich“ und grinste.
Einerseits erleichtert und andererseits peinlich berührt, weil ich mir wie ein Simulant vorkam,
versuchte ich abzulenken und lobte seine Kreativität beim Verbandzeug zuschneiden.
Nach der Säuberung kam noch etwas Jod auf den Schnitt, dann wurde er mit schmalen Klebestreifen
zugeklebt und mit einem ordentlich zugeschnittenem Pflaster wurde der Daumen umwickelt,
damit kein Schmutz drankommt.
Ich bekam noch weitere Pflaster mit, weil ich den Verband täglich wechseln sollte und nach drei
Tagen könne ich auch die Klebestreifen wieder entfernen.
Als abschließende Krönung verpasste er mir tatsächlich noch eine Tetanusspritze,
nachdem er gehört hatte, daß die Klinge, mit der ich mich verletzt hatte, nicht sauber und
rostig gewesen war.
Frisch geimpft und verpflastert war ich nun sehr gespannt, was mich der ganze Spaß kosten würde.
Aber, oh freudige Überraschung, man wollte mein Geld nicht.
Es sei alles erledigt, da man ja anhand der Daten auf meinem Arbeitsvertrag feststellen könne,
daß ich angemeldet und versichert bin und die gelobte Karte, könne ich mir nach Vorlegung der
schon erwähnten Dokumente dann ja noch später besorgen.
Ich bedankte mich überschwänglich und freute mich über diesen ungewohnt unkomplizierten Arztbesuch.
Trotzdem geh´ ich gleich morgen mal los und besorge mir in der Apotheke professionelles
Verbandszeug und ´ne Pulle Jod.
Dann kümmere ich mich demnächst doch lieber wieder selbst um meine Kratzer, die sowieso immer dann
aufhören zu bluten und so tun, als wären sie harmlos, wenn ein Arzt drauf guckt!
(Erfahrungsbericht aus dem Jahr 2015)
Text & Grafik: Nadja von der Hocht